DenkmalDebatten
Quelle für die Montage: Ministère de la Culture de France, Médiathèque de l'architecture et du patrimoine, diffusion RMN

Eugène Viollet-le-Duc

Wirken in der Denkmalpflege

Unstrittig zählt der französische Architekt Eugène-Emmanuel Viollet-le-Duc (1814–1879) zu den bedeutendsten und einflussreichsten Denkmalpflegern im Europa des 19. Jahrhunderts. Nicht nur zeichnete er für die Durchführung zahlreicher Restaurierungsprojekte der 1837 installierten Commission des monuments historiques verantwortlich, durch seine Forschungen, seine immensen bauhistorischen Kenntnisse, seine Publikationen und nicht zuletzt sein Amt als architect en chef der noch jungen französischen Denkmalpflege konnte er auch großen Einfluss auf die Grundlagen und das Ethos des sich institutionalisierenden Faches ausüben. Dabei polarisierte Viollet-le-Duc bereits zu Lebzeiten Anhänger und Gegner weit über die Grenzen Frankreichs hinaus – auch heute noch sind seine Positionen bei grundlegenden Denkmalkontroversen allgegenwärtig. Viollets ideales Verständnis von Restaurierung als einer Aufgabe, Gebäude "in einen Zustand der Vollkommenheit zurückzuführen, der möglicherweise zuvor nie existiert hat" umschreibt die eigentliche und fundamentale Gegenthese zu John Ruskins nahezu zeitgleichem Konservierungsgebot und zu Georg Dehios viel zitiertem Motto: "Konservieren, nicht restaurieren".

© Ministère de la Culture de France, Médiathèque de l'architecture et du patrimoine, diffusion RMN
Die Westfassade von St. Madeleine in Vézelay, Aquarell von Viollet-le-Duc, 1840

Eugène Viollet-le-Duc betrat um 1840 als einer ihrer frühen und maßgeblichen Akteure die Bühne der französischen Denkmalpflege. Bis zu dieser Zeit hatte es in Europa einzig das nachrevolutionäre Frankreich geschafft, den Umgang mit dem nationalen Erbe zu verstetigen, zu verwissenschaftlichen und zu institutionalisieren. Dem 1830 geschaffenen Amt des Inspecteur général des monuments historiques folgten 1837 die Einsetzung der Comission des monuments historiques und 1840 die Aufstellung einer ersten Denkmalliste. Etwa zur gleichen Zeit beauftragte der Inspecteur général, der Dichter Prosper Mérimée, Viollet-le-Duc mit der Leitung seiner ersten großen Restaurierungsmaßnahme, der Sicherung und Instandsetzung der Abteikirche St. Madeleine in Vézelay in Burgund – eine ungemeine Herausforderung für den jungen Architekten, zumal die einsturzgefährdeten Gewölbe von erfahrenen Kollegen zuvor als unsanierbar eingestuft worden waren. Viollet-le-Duc sollte diese Aufgabe unter Beibehaltung des historischen Bestandes glänzend meistern. Sein weiteres Aufgabenfeld war damit bereits vorgezeichnet. In den 1850er Jahren vertraute ihm die Denkmalkommission die Restaurierung der Kathedrale Notre Dame in Paris (zus. mit Jean-Baptiste Lassus) an, es folgten der Bischofsplast in Sens, die Kathedrale St. Saturnin in Toulouse, die Burg von Coucy, die mittelalterliche Stadtbefestigung von Carcassonne, die Schlossanlage Pierrefonds sowie andere national bedeutsame Monumente.

Dabei war Viollet-le-Duc mehr als nur Architekt und Restaurator; vor allem als Bauforscher konnte er sich einen Namen machen, zudem als Architekturtheoretiker, Zeichner und Illustrator, als Schriftsteller und nicht zuletzt als Ideengeber und Begründer der imposanten Abguss-Sammlung mittelalterlicher Architekturelemente, die nach seinem Tod in den frühen 1880er Jahren im Musée Trocadéro, dem Weltausstellungspalast des Jahres 1878, eine prominente Bleibe fand. Einhellig würdigten Kritiker wie Bewunderer Viollet-le-Ducs enormes Wissen – vornehmlich über die gotische Baukunst – und einen "Perfektionismus", der die Denkmalpflegepraxis der zweiten Jahrhunderthälfte in seiner Nachfolge europaweit kennzeichnen sollte (Achim Hubel).

Reproduktion aus: Viollet-le-Duc, Dictionnaire, Bd. 4, S. 93
Steinschnitt einer gotischen Gewölberippe

Dieser Perfektionismus war einem Verständnis von Bauforschung geschuldet, das auf genaue Beobachtung und intensives Studium aufbaut und einer zeitgemäßen, empirisch abzusichernden Denkmalpflege das Wort redet. Viollet-le-Duc hat sich damit weit entfernt von einer romantisierenden Mittelalterbegeisterung, von der aus seine Beschäftigung mit der Gotik ihren Ausgang nahm. Anders als die seinerzeit populären stimmungsvollen und eher künstlerischen Inszenierungen des Vergangenen, wie sie unter anderem in den auflagenstarken Voyages pittoresques betrieben wurden, wandte sich der junge Gotikforscher verstärkt einem objektivierenden, stark von der naturwissenschaftlichen Methodik beeinflussten Diskurs zu. So konzentrierte er sich in seinen Studien denn auch weniger auf die Erscheinung überkommener Bauwerke als auf die ihnen innewohnenden Strukturprinzipien. Hier meinte er dann überraschende Gemeinsamkeiten zwischen der gotischen und modernen Baukunst, ja eine "wesenhafte" Entsprechung, ausmachen zu können, die sich allerdings nur auf analytischem Wege, nicht jedoch empirisch erschließen lasse.

Die der Gotik eigenen Strukturprinzipien, so der Bauforscher, seien durchaus mit den Lokomotiven der Gegenwart vergleichbar, die gotische Architektur mithin Ausdruck und Inbegriff technischer Rationalität und – ebenso wie die Moderne – einer wissenschaftlichen Herangehensweise geschuldet. Von diesem "modernen" Mittelalterverständnis zeugt nicht zuletzt das wissenschaftliche Hauptwerk Viollet-le-Ducs, sein zwischen 1854 und 1868 erschienener zehnbändiger Dictionnaire raisonné de l‘architecture francaise – nicht von ungefähr ein "Lexikon", das die "Strukturprinzipien" der Architektur in den sorgfältig dokumentierten kleinsten Einheiten aufzuspüren sucht und bezeichnenderweise weitgehend auf Gesamtansichten der beschriebenen Bauten verzichtet. Nur konsequent, dass er den Eiffelturm, das stählerne Manifest zum 100-jährigen Jubiläum der Französischen Revolution, als "Kirche der technologischen Rationalität" betrachtete. Ziel der Denkmalpflege war für ihn nicht nur die Erhaltung, sondern die Verbesserung der mittelalterlichen Monumente. Das beinhaltete in den meisten der von Viollet-le-Duc durchgeführten Restaurierungsmaßnahmen die Rückführung auf den vermeintlich originalen Zustand und dessen "entwicklungsgeschichtlich zwar frühere, dafür aber 'richtige' Formen" (Norbert Huse).

Reproduktion aus: Viollet-le-Duc, Dictionnaire raisonné de l’architecture française du XIe au XVIe siècle, Bd. 3, Abb. 25
Pierrefonds, Illustration zum Stichwort "Château" des Dictionnaire

Auf seine denkmalpflegerische Praxis wirkte sich Viollet-le-Ducs Geschichtsverständnis, die Parallelisierung von Gotik und Moderne, wie auch das bauforscherische Credo einer analytischen Durchdringung der Strukturprinzipien eines Bauwerks in Form eines Strebens nach Stileinheit und Stilreinheit aus. Bereits die seit 1844 durchgeführten Maßnahmen an der Kathedrale von Notre Dame huldigten einem anderen Verständnis von Restaurierung als Viollet es zuvor in Vézelay realisiert hatte. Nicht nur, dass hier die gesamte nachmittelalterliche Ausstattung preisgegeben und durch eine neugotische ersetzt wurde, auch schuf Viollet-le-Duc eine stilistische Einheitlichkeit, die quellenmäßig nicht nachweisbar war, vielmehr einem Ideal des Bauwerks huldigt, wie es sich ihm in seinen Forschungen erschlossen hat. Wenn Viollet-le-Duc hier die "Idee" der historischen Kathedrale wieder zutage zu fördern meinte, so realisierte er einen Zustand, der "in keinem einzigen historischen Augenblick dem restaurierten Zustand entsprach", in dem "für sich genommen aber alle einzelnen Partien einmal bestanden haben." (Monika Steinhauser).

Nur konsequent, dass Viollet-le-Duc in den 1860er Jahren die Ruinen von Schloss und Festung Pierrefonds für Napoleon III. in ein Märchenschloss verwandelte, das Kritikern nur wenig später als ein "seelenloses akademisches Bravourstück" erschien, " ein Restaurations-Museum, in dem man für Entree herumgeführt wird, um die virtuose Stilfertigkeit des Architekten zu bewundern" (Adolf von Oechelhaeuser), das den bayerischen König Ludwig II. aber als Ideal einer mittelalterlichen Schlossburg so sehr begeisterte, dass er ganze Räume für das eigene ambitionierte "Restaurations-Projekt" Neuschwanstein kopieren ließ.

Reproduktion aus: Viollet-le-Duc, Histoire d'un hôtel de ville et d'une cathédrale, Abb. 8
Clusy, Viollets ideale mittelalterliche Kathedrale

Viollets "Stilfertigkeit" sollte – kurz vor seinem Tod – im Jahr 1877 in einer umfassenden und durch Detailzeichnungen belegten Beschreibung einer mittelalterlichen Kathedrale und eines Rathauses kulminieren, die zur Gänze Produkte seiner forschenden Phantasie waren: "Clusy", "die perfekte Kathedrale" (Klaus Niehr), präsentiert die Summe der wissenschaftlichen und denkmalpflegerischen Erfahrungen des renommiertesten Bauforschers, den das Europa der mittleren Jahre des 19. Jahrhunderts aufzuweisen hatte. Die Rezeption seines umfangreichen Werks ist bis heute gekennzeichnet durch die sich schon zu Lebzeiten abzeichnende Polarität von erbitterten Gegnern und ebenso erbitterten Anhängern bzw. von Gegnern im theoretischen Diskurs und Anhängern in der Restaurierungspraxis. Einer überaus selektiven Rezeption ist es geschuldet, dass Viollets Name heute in weiten Kreisen zum Synonym für eine rekonstruierende Denkmalpflege geworden ist – dies zumeist ohne den Zusammenhang der damaligen Zeit zu betrachten und ohne zu erinnern "an den schlechten Zustand, in dem sich damals in Frankreich die meisten der erwähnten Baudenkmale befanden" (Françoise Choay).

Ingrid Scheurmann

Literatur

  • Definitionen. Sieben Stichworte aus dem 'Dictionnaire raisonné de l'architecture francaise du XIe au XVIe siècle' von Eugène Viollet-le-Duc. Aus dem Französischen übertragen von Marianne Uhl, hg. von Martina Düttmann, Birkhäuser 1993
 
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